Intersektionen zwischen Antifeminismus und Antisemitismus – Rede auf der 8. März Demo 2025

Hiermit dokumentieren wir unseren Redebeitrag auf der Demo anlässlich des feministischen Kampftages 2025 in Aachen. Die Demo wurde vom Bündnis für ein Ende der Gewalt organisiert. Es nahmen ca. 800 Menschen teil.

Stephan Balliet, der am 9. Oktober 2019 – Jom Kippur – mit selbstgebauten Schusswaffen versuchte, die Synagoge in Halle anzugreifen, sich dabei aufzeichnete und seinen Angriff live streamte, begann seinen Anschlag damit, dass er Jüd:innen, Feminist:innen und Migrant:innen die Schuld an seiner persönlichen Lebenssituation und den Verhältnissen in Deutschland gab. Er glaubte an die zionistische Weltverschwörung und daran, dass Deutschland ein „Zionist Occupied Government“ sei. Darum hatte er sich zum Ziel gesetzt, möglichst viele jüdische Menschen zu ermorden. Er konnte seine Tat jedoch nicht wie geplant umsetzen. Nicht, weil ihn damals Polizist:innen daran hinderten, in die wegen des Feiertages gut besuchte Synagoge einzudringen, sondern weil er die massive Eingangstür der Synagoge nicht zu öffnen vermochte. Aus Frust darüber wandte er sich vom Gebäude ab und schoss mehrfach auf Jana Lange. Dann fuhr er zu einem Dönerimbiss und erschoss dort Kevin Schwarze, weil er diesen für einen Migranten hielt. Da sich im späteren Gerichtsprozess herausstellte, dass dieser Deutscher war, entschuldigte er sich dafür und gab an, diesen Mord zu bereuen. In seinen vor dem Anschlag veröffentlichten Unterlagen findet sich eine Zeichnung eines „Katzenmädchens“ in einem Karton. Das Bild ist untertitelt mit: „Werde Techno-Barbar und bekomme ein Katzenmädchen geschenkt.“ Hinter dieser Aussage verbirgt sich der Glaube, in Walhalla nach vollendeter Tat eine devote Frau geschenkt zu bekommen.

Der Attentäter von Halle ist nur ein Beispiel für die spezifische Verbindung zwischen Juden- und Frauenhass. Diese Verbindung zieht sich durch die Geschichte und wirkt offensichtlich bis in die heutige Zeit hinein. Bereits in ihren Studien zum autoritären Charakter wiesen Theodor W. Adorno und Else Frenkel-Brunswik nach, dass es einen engen Wirkungszusammenhang zwischen Ideologien wie Nationalismus, Antisemitismus und Antifeminismus gibt und dass diese sich je nach gesellschaftlicher Ausgestaltung überlagern, ohne jedoch ihren Kern zu verlieren. So richten sich diese Ideologien gegen die „verwirrende Vielfalt des Lebendigen“, wie es Klaus Theweleit ausdrückt. Sowohl Antisemitismus als auch Antifeminismus haben das Ziel, das Bedürfnis nach Einheit zu befriedigen. Über das Herstellen einer eindeutigen kulturellen und nationalen Identität wird der Versuch unternommen, eine Gesellschaft zu schaffen, die frei von Widersprüchen ist und reibungslos funktioniert. Antisemit:innen und Antifeminist:innen träumen vom Volk. Sie träumen davon, als Einzelne:r im Volk aufzugehen. Und da, wo nur das Volk zählt, existieren die Einzelnen nur noch für den Erhalt des Volkes. In diesem Zusammenhang spielt die Eindeutigkeit von Sexualität und Geschlecht eine besondere Rolle. Die deutsche Frau erhält nämlich den Volkskörper als Gebärmaschine. Die Brut muss rein bleiben, und die Frau dem Mann unterstellt sein. Frauen und jüdische Menschen sind per se vom deutschen Männerbund ausgeschlossen.

Der Feminismus stellt aber genau diese Eindeutigkeiten in Frage. Dadurch, dass er binäre Geschlechterbilder und eine vereindeutlichte Sexualität angreift, greift er den Volkskörper an. So ist in diesem Denken die Emanzipation von Frauen und queeren Menschen eine Verschwörung gegen die Volksgemeinschaft, denn diese widersprechen dem Prinzip der Eindeutigkeit. So gelten wir Feminist:innen häufig als unweiblich und vermännlicht. Man kann uns nicht zuordnen. So nehmen wir eine Zwischenposition ein und treiben mit unseren gesellschaftlichen Veränderungen Risse in das Konstrukt von Geschlecht, Nation und Volk.

Darum ist es nicht verwunderlich, dass der Attentäter von Halle in seiner Anfangsrede sich antisemitisch und antifeministisch äußert. Beide Ideologien funktionieren als Verschwörungserzählungen, um sich komplizierte gesellschaftliche Verhältnisse zu erklären. Die Krise des Kapitalismus und die Krise der Männlichkeit können so einfach beantwortet werden. Menschen wie Stephan Balliet sehen in Feminist:innen und Jüd:innen die Zersetzer:innen des Volkes und der vermeintlich natürlichen Ordnung. So können sie sich selbst als Opfer imaginieren, die in Notwehr handeln. So können sie mit einem reinen Gewissen ermorden.

Ein emanzipatorischer Feminismus muss sich darum immer gegen die Idee des Volkes wenden. Statt der Volksgemeinschaft brauchen wir eine Gesellschaft, in der jede:r ohne Angst verschieden sein kann. So müssen sich feministische Bestrebungen gegen jede Form des Antisemitismus, Rassismus und Nationalismus richten. Feminismus muss Vielfalt zulassen und gleichzeitig eine allgemeine Idee von einem guten Leben für alle entwickeln.