Die feministische Verschwörung – Antifeminismus als Ideologie

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Die Spätmoderne ist durchzogen von misogynen und queerfeindlichen Einstellungen, Äußerungen und Taten. Sei es, dass die CDU in den 90ern gegen die Einführung eines Gesetzes zur Bestrafung der Vergewaltigung in der Ehe votierte, in pädagogischer Ratgeberliteratur über die besondere Bindung zwischen Mutter und Kind fabuliert oder Männern qua Natur eine besondere Verbindung zu motorisierten Gegenständen unterstellt wird. Solche Beispiele zeigen eine Verankerung dieses Denkens in der Gesellschaft, jedoch kann erst ab einem bestimmten Zeitpunkt von einer organisierten Debatte gesprochen werden.

Von Antigenderismus und organisiertem Antifeminismus

Das Jahr 2006 ist in der medialen Debatte rund um das Thema Gendern ein Einschnitt. In diesem Jahr erschienen zwei Publikationen, die es schafften, eine Verbindung zwischen rechtem und konservativem Milieu herzustellen.

Eva Herman brachte ihr Buch „Das Eva-Prinzip – Für eine neue Weiblichkeit“ heraus. In ihm schreibt sie gegen eine von ihr wahrgenommene Überforderung vieler Frauen an, die zwischen Berufstätigkeit und häuslicher Sorgearbeit zerrieben würden. Ihr Ratschlag zum Umgang mit dieser Überforderung ist der Rückzug von Frauen aus der Öffentlichkeit. Sie sollen sich auf traditionelle Werte zurückbesinnen und sich zukünftig wieder nur um Kirche, Küche und Kinder kümmern und ihrem Ehemann Freude bereiten. Eva Herman öffnet den Diskurs nach rechts, indem sie als positiven Bezugspunkt für einen respektvollen Umgang mit Frauen die Mütterpolitik der Nazis heranzieht.

Ebenfalls 2006 veröffentliche Volker Zastrow seinen Artikel „‚Gender Mainstreaming‘ – Politische Geschlechtsumwandlung“ in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). In dem Artikel beschwört er einen feministischen Komplott herbei, in dem sich Kommunist*innen, Alice Schwarzer sowie deutsche und europäische Politiker*innen zusammengefunden hätten, um unter anderem Gender Mainstreaming voranzutreiben. In dem Artikel schwingt mit, dass die nationale Bevölkerung in irgendeiner Form getäuscht wurde und Feminist*innen sich gegen diese verschworen haben. Zastrow arbeitet sowohl vor als auch nach der Veröffentlichung dieses Artikels für die FAZ als Redakteur.

Die Debatte wurde von rechten Medien aufgegriffen und weitergeführt. So tauschten sich (extrem) Rechte auf der Plattform „Free Gender“ mit dem Fokus auf Männlichkeitsbilder aus. Sie sprachen schon damals über die Krise des Mannes und wünschten sich den soldatischen Mann zurück. Auch Medien wie die Junge Freiheit griffen die Debatte auf und die Publizistinnen Gabriele Kuby und Inge Thürkauf führten den Begriff des Genderismus als Kampfbegriff ein. Dieser dient einem breiten Milieu an selbst ernannten Genderkritikern als gemeinsamer Begriff.

So wurde das Themengebiet Gender zwischen 2006 und 2009 als Feindbild konstruiert. Dadurch entstand die Möglichkeit, dass Themen rund um Geschlecht und Familie als eine Scharnierfunktion zwischen dem organisierten rechten und dem konservierten Milieu etabliert wurden. Dies erlaubt ihnen eine gegenseitige Bezugnahme und Offenheit. Gleichzeitig wird ein gemeinsames Ideal der heterosexuellen Kleinfamilie mit spezifischer Rollenzuteilung als gemeinsamer Referenzpunkt bestätigt. Und obwohl Beatrix von Storch, die so genannte Lebensschutzbewegung, „Die Demo für alle“, Friedrich Merz oder Ferhat Sentürk sich selbst zu unterschiedlichen politischen Spektren zu ordnen – inhaltlich nutzen sie trotzdem dieselben Referenzen und Argumentationsmuster, wenn es darum geht, gegen queere Menschen zu hetzen, die heterosexuelle Kleinfamilie zu propagieren, Gewalt gegen Frauen zu verharmlosen oder diese rassistisch aufzuladen.

Die Wahlversprechen der AfD

So hat auch die AfD Familien- und Geschlechterthemen in ihrem Wahl- und Grundsatzprogramm verankert. Sie legen einen besonderen Fokus auf die Familie. Nur Familien, die die heterosexuelle Ehe zur Basis haben, sind für sie förderungswürdig. Gleichzeitig propagieren sie eine pro-natalistische Bevölkerungspolitik. Das bedeutet, dass jede Frau drei Kinder gebären sollte. Ihre Antwort auf den bevorstehenden Mangel an Arbeitskräften ist die Förderung von kinderreichen Familien statt gezielter Migration, wie sie neoliberale Parteien wie die FDP propagieren. Jedoch interessiert sich die AfD bei weitem nicht für alle Kinder, die in Deutschland leben, sondern nur solche, die sie der deutschen Volksgemeinschaft zuordnen.

Die AfD lehnt die Gleichstellung von heterosexuellen und homosexuellen Paaren entschieden ab. Ein Ausleben von Homosexualität wird lediglich im privaten Raum geduldet. So sollen Themen rund um sexuelle Vielfalt und Selbstbestimmung in der Öffentlichkeit tabuisiert werden. Ein erster Schritt in diese Richtung ist der Kampf gegen die Verankerung dieser Themen im Schul-Curriculum. Hier wird der öffentlichen Arbeitswelt das traute private Heim entgegengestellt, in welches sich die Öffentlichkeit nicht einmischen darf. Jedoch heißt das nicht, dass in dieser Privatheit am Ende jede*r nach eigenem Belieben walten darf. Vielmehr entsteht eine Enklave, die frei von Staatlichkeit und durch patriarchale Ordnungsmuster sortiert ist. Das männliche Familienoberhaupt bestimmt über seine Schutzbefohlenen: Frauen und Kinder.

Auf dieser Grundlage wird Gewalt gegen Frauen lediglich zu einem Problem „der Anderen“. Wahlweise wird entweder das Thema rassifiziert oder eine Täter-Opfer-Umkehr betrieben und den Frauen auf Grund ihres Verhaltens die Schuld an der erlebten Gewalt gegeben. So muss entweder die weiße Frau vor migrantischen Männern geschützt werden oder sie ist selbst schuld, da sie sich nicht sittsam genug verhalten hat.

So kann sich die AfD als „Anti-Gender“-Partei aufspielen und feministische Bestrebungen um ein gutes Leben für alle als eine Bedrohung für ein intaktes gesellschaftliches Gefüge, welches immer ein völkisches ist, deuten. Sie stellen sich als Verteidiger der Meinungsfreiheit dar und fühlen sich tatsächlich von einer Verschwörung zwischen Feminist*innen und „denen da oben“ bedroht.

Anknüpfungspunkt: Menschliche Entfremdungserfahrungen im Kapitalismus

Solche antifeministischen Positionen hinterlassen bei vielen Menschen nicht bloß Verwunderung oder rufen Ablehnung hervor, vielmehr treffen sie vermehrt auf Zustimmung. Dies liegt daran, dass sie an eine Erfahrung anknüpfen, die die Menschen innerhalb einer kapitalistischen Gesellschaft machen. Sie nehmen sich nicht als handelnde Akteure innerhalb der kapitalistischen Gesellschaftsordnung wahr und vergessen, dass diese Ordnung von ihnen selbst geschaffen und nicht natürlich ist. Diese Wahrnehmung geht mit dem einher, was Marx und die Kritische Theorie als Entfremdungserfahrung bezeichneten. Darüber entwickeln die einzelnen Individuen ein notwendig falsches Bewusstsein. Die Individuen interpretieren die gesellschaftliche Ordnung als gesetzt und können nicht über sie hinausdenken, weil sie sich selbst nicht mehr als handelnde Akteure sehen. So ist jenes Bewusstsein insofern notwendig, da es die einzelnen Individuen in dieser Gesellschaft überleben lässt, ohne an den Verhältnissen völlig zu Grunde gehen zu müssen.

Im Kapitalismus kommt dem Geschlecht eine ordnende Funktion zu, was mit einer Unterteilung des Lebens in zwei Sphären einhergeht. Auf der einen Seite existiert die Sphäre der Produktion, in der Waren produziert werden und denen ein Mehrwert zukommt. Auf der anderen Seite wird dieser die Sphäre der Reproduktion entgegengestellt. Hier können die Arbeiter*innen ihre Arbeitskraft wieder herstellen, sich erholen und die produzierten Waren konsumieren. Da in der Sphäre der Reproduktion kein Mehrwert produziert wird, werden die Arbeiten in ihr sowohl nicht als Arbeitszeit, sondern als Freizeit wahrgenommen, als auch dem Zwang unterlegt, möglichst kostengünstig bis umsonst getätigt zu werden. An dieser Stelle schafft die kapitalistische Gesellschaft zwei Geschlechter, die eng mit den jeweiligen Sphären verknüpft sind.

Diese beschriebene Ordnung wird von Feminist*innen mit dem Ziel eine freien Gesellschaft in Frage gestellt. Eine Befreiung von den Verhältnissen ist auch wahrlich erforderlich für ein gutes Leben. Jedoch würde das bedeuten, Verantwortung für das eigene Sein in eben diesen Verhältnissen zu übernehmen. Um dieser Anforderung zu entgehen, kann es passieren, dass sich Menschen im Sinne des notwendig falschen Bewusstseins klare Ideale herbeiwünschen, wie das vermeintliche Familienbild der 50er Jahre. In ihrer Fantasie war damals die Welt noch in Ordnung. Genau an dieser Stelle knüpfen rechte und konservative Ideologien an. Jedoch sind diese Prozesse keine bewussten Entscheidungen, sondern laufen vielmehr im Unbewussten der einzelnen Individuen ab.

Damit stehen rechte Ideologien, wie die der AfD, nicht außerhalb von gesellschaftlichen Verhältnissen, sondern entspringen eben diesen. Sie sind in ihrer Grundlage nicht wesentlich anders als konservative Gesellschaftsentwürfe. So ist es gerade deswegen nicht verwunderlich, dass die so genannte Brandmauer gegen die AfD immer wieder Lücken aufweist. Wer die AfD oder andere antifeministische Ideologen bekämpfen möchte, muss die Verhältnisse bekämpfen, die dieses Denken produzieren.

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